Alles im Fluss..

Der Blick aus meinem Fenster. Ich sehe im Hof die Enten vom Bauern herum watscheln. Sie putze, schütteln sich und fühlen sich wohl. Mir huscht ein Lächeln über das Gesicht, da ich mich an den Anblick der riesigen Puten erinnern muss, die im Herbst beim Bauern aufwachsen und sie so lustig aussehen, vor allem wenn man sie anspricht, dann machen sie ein unglaubliches Geräusch, das einen unweigerlich zum Lachen bringt. Ich denke kurz darüber nach, dass diese Tiere wenigsten bis zu ihrer Schlachtung frei sein dürfen und dass ich sie nicht esse, da ich mich dagegen entschieden habe den Massentierwahnsinn zu unterstützen. Mein Blick geht weit. Ich kann den Staffelberg erkennen und noch viel weiter sehen. Der Ausblick ist unbezahlbar. Unser Haus ist der höchste Punkt hier in Coburg und man kann unendlich sehen. Ich denke an mein Meer, dass mir den gleichen Blick dieser Unendlichkeit vermittelt. Ich denke darüber nach, wie sehr mich doch das Verlassen meines alten Lebens verändert hat, wie wach mein Geist dadurch geworden ist. Es erfüllt mich mit Stolz, dass ich Mut habe mein Denken in jegliche Richtung zu wenden, auch wenn ich vielleicht vor Monaten anders dachte. Der Verstand ist dazu da eine Situation nicht nur von vorne zu sehen oder von hinten, sondern von all den vielen Seiten die es gibt, nur dann kann man beurteilen. Man kann die Situation aus seiner Sicht beurteilen oder aus der Sicht des Gegenüber oder auch aus der Sicht eines Außenstehenden, all das führt letztendlich wieder zu einer neuen Einsicht.

Da Jon nun nicht gerade sehr redselig ist, vor allem was Gefühle angeht, muss ich mich in all die anderen Positionen der Sichtweise hineindenken um verstehen zu können. Da er mir wichtig ist tue ich das, was oft Zeit benötigt, vor allem wenn man in Gefühlen verstrickt ist. Doch die Zeit und die Auseinandersetzungen ließen mich die Gefühle, die einem den Kopf vernebeln vergessen und ich wurde klarer. Eines wusste ich immer, er ist mir ein Freund geworden, dem ich vertrauen kann. Jon wird mir nie sagen, dass er mich liebt, dass muss er auch nicht. Haben es so viel gesagt, und was ist davon übrig geblieben? Das Wort liebe muss nicht ausgesprochen werden. Liebe ist etwas das man spüren sollte. Viele Lektionen hat mich das Leben gelehrt und viele werden es noch sein, doch die Entwicklung die in einem stattfindet macht es sanfter.

Viele Gedanken warum Jon sich oft so hart und fies sich mir gegenüber benommen hat. Warum all diese Auseinandersetzungen und Kämpfe zwischen uns, viele die nichts mit einem gewöhnlichen Streit zu tun haben. Doch denke ich langsam dafür eine Erklärung zu bekommen. Hat er mich doch immer gefragt, was ich denn mit ihm will. „Du kannst hier jeden haben“ war immer sein Spruch. Doch jeden will ich halt nun mal nicht haben. Die Persönlichkeit macht uns doch einen Menschen interessant. Mimik, Gestik, Selbstbewusstsein und Handlungen. All das macht eine Person attraktiv. Wenn er am Piano sitzt, dann hat er eine sehr selbstbewusste Ausstrahlung und auch wenn er mit mir streitet. Er streitet, weil er anderer Meinung ist, nicht weil er Recht haben möchte. Das ist ein Unterschied, denn wenn ich mit ihm rede und ihm die Situation aus meiner Sicht erkläre, lenkt er schon auch mal ein. Er beharrt nicht auf seinem Stand wenn er eingesehen hat, dass man die Situation auch mal von unten oder oben ansehen kann. All das macht ihn mir attraktiv. Es gab Menschen die ihm sagten „Weißt du eigentlich was Kikii so alles über dich in ihrem Blog schreibt?“

Doch er antwortete immer „Und, lass sie doch wenn sie Spaß daran hat“. Natürlich weiß er was ich schrieb, da ich immer mit ihm darüber gesprochen hatte, doch dass er mir so den Rücken stärkt, macht ihn mir attraktiv. Jon war sich mir immer unsicher und fragte sich warum ich bei ihm bin, da kommt es doch nahe anzunehmen es müsse also wegen materiellen Dingen sein und was hatten wir für Auseinandersetzungen deswegen. Dio Mio. Natürlich hatte ich ihm ein wenig von mir und meinem alten Leben erzählt. Doch erzählen konnte ich natürlich viel. Im Grunde hat er mich mit nichts kennen gelernt. Eine fröhliche, glückliche in ihn verliebte Kikii, die nur mit ihrem Auto, Hund und Malsachen nach Spanien kam um dort von der Malerei zu leben. Ich kämpfte mit ihm über mein Verdienst im Jazzclub oder über Dinge die ich in meiner Wohnung im Haus wollte, war enttäuscht, dass er nicht sah wie viel ich für ihn ohne Bezahlung tat und er weil ich mich für alles was mit der Bar zu tun hatte bezahlen ließ. Im Grunde war unser Problem, jeder fühlte sich vom anderen Ausgenommen. Daher auch meine Entscheidung im Herbst, in der Bar nur noch als Aushilfe zu arbeiten die meine Miete übernahm und schon wurde unser Verhältnis besser. Ich zog mich ein wenig zurück und unternahm auch einmal etwas ohne ihn, ging aus oder genoss den Abend auf der Terrasse mit einem Glas Wein. Und ich begann meine Reise nach Deutschland zu planen um dort wieder beruflich aktiv zu sein, in dem was ich gelernt hatte und was mein Beruf ist. Das Permanent Make-up. Aus 6 Wochen Planung wurden 4 Monate. Doch Jon verstand mich, legte mir keine Steine in den Weg. Ich hatte die ersten Wochen viel Zeit zum Nachdenken. Wirklich Interesse vielleicht Jemanden kennen zu lernen der mehr als ein Freund sein könnte hatte ich nicht. Aus einem kurzen kennenlernen wurde mir schnell klar, dass ich genau das nicht mehr möchte. Es wären alte Muster gewesen, die ich nun wirklich nicht mehr nötig habe. Somit genoss ich die Zeit allein mit meiner Familie und mit der Arbeit.

„Ich komme dich besuchen, hab schon einen Flug gebucht“ schrieb mit Jon. Dass er es wirklich tut, hätte ich nicht gedacht. Nachdem ich meine Erwartungen anderen gegenüber runter schraube, war das eine schöne Überraschung, doch vor allem eine Geste von ihm, mir sein Interesse zu zeigen. Zwei Tage, doch Stunden die uns gut taten. Er lernte meine Familie kennen und auch ein Stück meiner Vergangenheit. Er weiß nun, dass mein Leben nicht nur aus meiner Kreativität besteht, sondern auch aus einem seriösen Background. Er versteht nun viel besser meinen Grund warum ich meine Pampers verlassen habe und mich in eine Ungewissheit stürzte. Doch auch, dass ich niemals meine Herkunft abstreifen will um ein unsicheres und ungeplantes Leben weiterzugehen. Wir sind beide geerdet und das ist gut so. Er weiß nun, dass ich regelmäßig in Deutschland arbeiten werde und ich weiß dass er damit kein Problem hat. Es ist wichtig, dass man einen Partner hat, der einem Freund ist. Der versteht, dass es Zeiten der Nähe gibt, sowie die Zeit der Entfernung. Wenn man vertraut, geht das auch. Somit werde ich die restlichen Monate hier in Coburg verbringen und mich so sehr auf Denia freuen, denn ich komme Ende April zurück und dann ist es dort wundervoll warm und die schönste Zeit beginnt. Vor August werde ich noch einmal zum Arbeiten zurückkommen und den restlichen Sommer und Herbst in Spanien verbringen bis ich mich dann in den nächsten Winter für einige Monate in mein warmes Studio mummle um ein paar Kundinnen glücklich machen. Alles ist im Fluss, man muss es nur zulassen …

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